Fr 16 Sep

11:40

Delphine Schmid, Kalkwerk, Strada

Hanfkalk

Es klingt wie ein architektonischer Traum. Ein Material, dass zugleich Wand, Isolation und Oberfläche sein kann, gut für die Umwelt ist und auch noch dank seiner Struktur eine spezielle Ästhetik aufweist. Ein feuerfestes Material, dass sich monolithisch in verschiedensten Formen stampfen lässt, auf eine Holzbaukonstruktion aufbaut und sich bei Umbauten nahtlos an den Bestand anschmiegen kann. Hanfschäben, Kalk und Pflanzenkohle sind Materialien die atmen, sie schaffen ein gesundes Raumklima.

Kalk als Baustoff wird schon seit 14.000 Jahren verwendet und ist erst in den letzten 100 Jahren in Vergessenheit geraten. Kalkprodukte erhärten dadurch, dass Sie wieder COaus der Luft aufnehmen und der Kalk in seine chemische Ursprungszustand zurückkehrt. 

Hanf zählt zu den ältesten Nutzpflanzen der Erde, welche ein schnelles Wachstum hat und somit COaus der Luft entzieht. Durch die Behandlung mit Kalk mineralisieren sich die hölzernen silikathaltigen Hanfschäben und sie werden konserviert.

Pflanzenkohle wird durch Pyrolyse hergestellt. Dabei wird ein Großteil des pflanzlichen Kohlenstoffs in stabile molekulare Strukturen umgewandelt. Ihre mittlere Verweildauer in Böden beträgt 1440 bis 14.500 Jahre. Dadurch wirkt das Material Kohlenstoffsenkend [Schmidt, Hagemann, Abächerli, Leifeld und Bucheli 2021].

Nach einigen Jahren Berufserfahrung in einem Architekturbüro wollte ich lernen wie man einen Kalkverputz macht. Ich habe den Kalkbrenner und Sgraffitokünstler Joannes Wetzel getroffen. Wir gründeten den Verein kalkwerk, welcher sich dafür einsetzt regional und mit der erneuerbaren Ressource Holz nach alter handwerklicher Technik Kalk zu brennen. Wir konnten einen Kalkbrand 2020 durch ein Crowdfunding finanzieren, die öffentliche Aufmerksamkeit wuchs. Wir gründeten eine Firma, um all unsere Projekte in Selbstständigkeit unter einen Hut zu bringen.

Wir lernten Hanfkalk Bauleute aus Deutschland und dem Südtirol kennen, unser Netzwerk aus Handwerkenden und Forschenden wurde immer grösser. Bald waren wir auch im Austausch mit einer Gruppe in der Schweiz, welche alle bereits Erfahrungen mit Hanfkalk gesammelt oder kurz davor stehen mit dem Material zu arbeiten. Ein unschätzbar wertvolle Ressource für uns, um auf Wissen zurückzugreifen und dieses bei eigenen Projekten einzusetzen.

Im Unterengadin ist der Umbau von historischen Gebäuden ein wichtiges Thema. Inwiefern können die baulichen Interventionen der neuen Nutzung, der Energiegesetzte und den denkmalpflegerischen Anforderungen gerecht werden Wie können wir überhaupt in Zukunft bauen ohne den Einsatz von Industriellen Baumaterialien, welche mit fossilen Energien hergestellt werden? Mit 35 cm dicken Hanfkalk Mauern können wir bei einem Ausbau einer Stallscheune in Vnà ein Pionierprojekt für die Region realisieren.

Es kam immer wieder vor, dass wir für Kunden auf Fermacellplatten Kalkputze ausführen sollten. Dies war für uns, die so konsequent auf regionale Materialien und eigene Mischungen setzten, keine gute Grundlage. So kamen wir auf die Idee selbst Hanfkalkplatten herzustellen. Durch unsere Vermittlungstätigkeiten finden uns auch immer wieder die Kunden, welche natürliche Baumaterialien wertschätzen. So können wir weiter mit Hanf, Kalk und Pflanzenkohle experimentieren. Durch die Kombination von Architektur und handwerklichem Know-How könne wir Ideen auch gleich selbst umsetzten.

Referenzen

Schmidt, Hans-Peter, Nikolas Hagemann, Fredy Abächerli, Jens Leifeld und Thomas Bucheli. „Pflanzenkohle in der Landwirtschaft“. Agroscope Science, Nr. 112 (2021): 5. → Link

Delphine Schmid Foto

© Delphine Schmid

Delphine Schmid Drawing

© Delphine Schmid

Delphine Schmid, Architektin Msc ETH Arch | SWB

Bereits während ihres Architekturstudiums an der ETH Zürich (2009–15) sammelte Delphine Schmid Bauleitungserfahrung. Ihre Leidenschaft für natürliche Materialien, Handwerk und den „Geist des Ortes“ hat dazu geführt, dass sie sich intensiv mit der Stampflehmtechnik auseinandersetzte. Während ihrer Tätigkeit als Projekt- und Bauleiterin bei bernath+ widmer Architekten, hat Delphine wertvolle Einblicke in denkmalpflegerische Neu- und Umbauten erhalten. Ihr Interesse fokussierte sich auf das Kalkhandwerk und das Unterengadin, wo sie 2020 den Verein kalkwerk mitbegründete. 2021 hat sich Delphine Schmid zusammen mit dem Kalkisten Joannes Wetzel selbstständig gemacht und die Firma fabricat multifari gegründet.